Wenn der Workshop funktioniert – und das eigentliche Problem trotzdem bleibt
Die Zusammenarbeit war von Anfang an angespannt.
Zwei Geschäftsführer und eine neue Führungskraft merkten, dass ihr gemeinsamer Start anders verlief, als sie es sich vorgestellt hatten. Jeder nahm die Spannung wahr. Gleichzeitig wollte sich keiner so recht eingestehen, dass genau die Zusammenarbeit das Problem sein könnte.
Also wurde gehandelt.
Gemeinsam mit einer externen Moderatorin vereinbarten die drei einen Strategie-Workshop.
Das war durchaus plausibel: Es gab Aufgaben zu klären, Verantwortlichkeiten festzulegen und strategische Fragen zu beantworten.
Und der Workshop funktionierte.
Es wurden Ergebnisse erzielt und konkrete Vereinbarungen getroffen. Unter anderem sollte das Qualitätsmanagement künftig zum Verantwortungsbereich der neuen Führungskraft gehören.
Nur die Spannung blieb.
Die Vereinbarung stand. Die Zusammenarbeit trug noch nicht.
Nach dem Workshop geschah wenig.
Die beiden Geschäftsführer waren zu diesem Zeitpunkt mit einem gewaltigen Vorhaben beschäftigt: Die IT des Unternehmens sollte umfassend neu aufgestellt werden. Die Belastung war enorm. 14-Stunden-Tage gehörten zeitweise zum Alltag.
Die neue Führungskraft erlebte die Situation anders. Eine fundierte Einarbeitung fand kaum statt. Sie hatte Verantwortung übernommen und hing gleichzeitig in der Luft.
Ihre Frustration wuchs so weit, dass sie während der Probezeit über eine Kündigung nachdachte.
Im Gespräch wurde schließlich sichtbar:
Das dringendste Problem war nicht die Strategie. Es war die Zusammenarbeit.
Aus dem Problem wurde ein Arbeitsfeld
Wir stellten deshalb eine andere Frage: Wie kann die neue Führungskraft genau die Situation nutzen, die ihre Geschäftsführer gerade vollständig beanspruchte?
Sie begann, das bestehende IT-System kennenzulernen. Anschließend arbeitete sie sich in die Anforderungen an das neue System ein.
Damit veränderte sich ihre Rolle.
Aus der Führungskraft, die auf ihre Einarbeitung wartete, wurde eine Führungskraft, die ihre Geschäftsführer entlasten konnte.
Die geplante ERP-Integration scheiterte später trotzdem.
Etwas anderes gelang:
Die Geschäftsführer hatten erlebt, dass sie sich auf diese Frau verlassen konnten.
War der Strategie-Workshop also die falsche Intervention?
So einfach ist es nicht.
Der Workshop bearbeitete das Thema, für das er angesetzt worden war. Er klärte Zuständigkeiten und führte zu Vereinbarungen.
Die interessantere Frage liegt davor:
Warum bearbeiten wir manchmal das Problem, über das wir sprechen können – und nicht das, das uns tatsächlich blockiert?
In diesem Fall war die angespannte Zusammenarbeit für alle wahrnehmbar. Trotzdem wurde zunächst Strategie zum Gegenstand der gemeinsamen Arbeit.
Das ist kein ungewöhnlicher Fehler einzelner Menschen. Es ist eine nachvollziehbare Dynamik: Über Aufgaben, Zuständigkeiten und Strategie lässt sich oft leichter sprechen als darüber, was zwischen Menschen gerade nicht trägt.
Und genau hier entscheidet sich, ob eine Intervention am Kern des Problems ansetzt – oder an einem Thema, das zwar vorhanden, aber gerade nicht das dringlichste ist.
Think slow, act fast: Erst das Problem verstehen, dann die Intervention wählen
Unter Druck wollen Führungsteams verständlicherweise handeln.
Strategie-Workshop? Mediation? Teamentwicklung? Rollenklärung?
Doch bevor die Methode gewählt wird, lohnt sich eine andere Frage:
Was ist hier eigentlich los?
„Think slow, act fast“ bedeutet für mich an dieser Stelle nicht, Entscheidungen hinauszuzögern. Es bedeutet, vor der Intervention kurz und sorgfältig zu prüfen, was das Führungsteam tatsächlich blockiert.
Denn ein Strategie-Workshop kann Strategie klären. Eine Mediation kann einen Konflikt bearbeiten. Ein Teamworkshop kann Zusammenarbeit entwickeln.
Aber keine Intervention kann zuverlässig ein Problem lösen, das vorher falsch eingeordnet wurde.
Genau einen Schritt früher setzt die Tragfähigkeits-Diagnose für Führungsteams an. Sie macht unterschiedliche Wahrnehmungen, Spannungen und mögliche Bruchstellen sichtbar, bevor entschieden wird, welche Intervention sinnvoll ist.
Erst verstehen, wo der Riss verläuft. Dann entscheiden, was zu tun ist.
Think slow, act fast: Erst das Problem verstehen, dann die Intervention wählen
In diesem Fall war der Strategie-Workshop sinnvoll. Er klärte Zuständigkeiten und führte zu konkreten Vereinbarungen.
Nur lag das dringendste Problem an einer anderen Stelle.
Genau hier hilft mir der Gedanke „Think slow, act fast“: Bevor die nächste Intervention gewählt wird, lohnt sich ein genauer Blick darauf, was ein Führungsteam tatsächlich blockiert.
Denn ein Strategie-Workshop hilft, wenn Strategie geklärt werden muss. Eine Mediation hilft, wenn ein Konflikt bearbeitet werden muss. Und manchmal liegt die Ursache weder dort noch dort.
Die Tragfähigkeits-Diagnose setzt deshalb einen Schritt früher an: Sie macht unterschiedliche Wahrnehmungen, Spannungen und mögliche Bruchstellen in der Zusammenarbeit sichtbar, bevor entschieden wird, was zu tun ist.
Erst verstehen, wo der Riss sitzt. Dann entscheiden, was zu tun ist.
Häufig gestellte Fragen
Warum kann ein guter Strategie-Workshop trotzdem wirkungslos bleiben?
Ein Strategie-Workshop kann Ziele, Prioritäten und Verantwortlichkeiten klären. Bleibt die Umsetzung anschließend aus, muss deshalb nicht die Strategie das Problem sein. Ursachen können auch in ungeklärten Rollen, fehlendem Vertrauen, Überlastung, strukturellen Hindernissen oder Konflikten in der Zusammenarbeit liegen.
Wann ist vor einer Intervention im Führungsteam eine Diagnose sinnvoll?
Eine Diagnose ist besonders sinnvoll, wenn unklar ist, was ein Führungsteam tatsächlich blockiert. Die Ursache kann in der Strategie, der Zusammenarbeit, der Verteilung von Verantwortung, den Strukturen oder in bislang unausgesprochenen Spannungen liegen. Die Diagnose hilft, diese Unterschiede sichtbar zu machen und anschließend die passende Intervention auszuwählen.
Was bedeutet „Think slow, act fast“ im Führungsteam?
„Think slow, act fast“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Erst sorgfältig verstehen, was ein Führungsteam tatsächlich blockiert, und danach zügig die passende Intervention wählen. So wird vermieden, ein sichtbares Symptom zu bearbeiten, während die eigentliche Ursache bestehen bleibt.



