Ich erlebe es in fast jedem Führungsteam-Workshop. Wir schauen uns gemeinsam die Ergebnisse der anonymen Teambefragung an. Da steht es schwarz auf weiß: hohe Konfliktspannung im Führungsteam. Die Zahlen lügen nicht.
Dann frage ich in die Runde: „Was meinen Sie damit konkret? Geben Sie mir ein Bild.“
Und plötzlich passiert es.
„Ach, das war eigentlich gar nicht so gemeint.“
„Der Kollege, mit dem es schwierig war – der ist inzwischen in einer anderen Abteilung.“
„Ich glaube, wir haben eher die Zusammenarbeit mit dem anderen Team gemeint.“
Der rosa Elefant im Raum, der in der Teamdiagnose noch klar zu sehen war, hat sich unter den Teppich gelegt.
Das Schweigen ist kein Frieden
Früher habe ich mich gefragt, ob ich mich verhört habe. Heute weiß ich: Der Elefant ist nicht weg. Er hat nur keinen sicheren Boden gefunden, auf dem er stehen kann.
Was ich in diesen Momenten beobachte, ist das Fehlen eines Raums, in dem Wahrhaftigkeit möglich ist. Wenn Teamkonflikte anonym benannt werden können, ist die Hemmschwelle niedrig. Aber sobald Kollegen im Raum sitzen – und die Führungskraft dabei – wird aus einer Einschätzung eine Aussage, für die man einstehen muss. Das ist ein anderes Gewicht. Viele wählen dann den Rückzug.
Das ist keine Schwäche. Es ist ein Schutzmechanismus. Ein Zeichen dafür, dass das Führungsteam noch nicht erlebt hat, dass wir uns auch im Konflikt vertrauen können.
In tragfähigen Beziehungen vertrauen wir auch im Konflikt.
Aber tragfähige Beziehungen entstehen nicht von selbst. Sie brauchen einen Moment, in dem jemand anfängt – und die anderen merken: Es ist sicher.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Wenn Ihr Führungsteam im Workshop schweigt, obwohl die Teambefragung brennt, ist das keine Entwarnung. Es ist ein Hinweis.
Ein Hinweis darauf, dass das Ungesagte noch keinen Namen hat. Und was keinen Namen hat, können Sie als Führungskraft nicht führen.
Ein Team, das seine Konflikte nicht aussprechen kann, wird sie nicht lösen. Es wird sie verwalten. Still und unsichtbar – in halbherzigen Meetings, in Energie, die nicht fließt, in Leistung, die auf der Strecke bleibt. Das kostet Sie täglich mehr, als Sie sehen können.
Was ich in diesen Momenten tue
Ich bleibe sitzen. Ich dränge nicht.
Ich habe gelernt, dass Wahrhaftigkeit Zeit braucht – und einen Raum ohne Ergebnisdruck. Wenn niemand auf eine schnelle Lösung besteht, wenn das Schweigen ausgehalten wird, ohne dass es sofort gefüllt werden muss, entsteht etwas.
Als externer Mediator und QM-Auditor stehe ich außerhalb des Systems. Ich kenne die ungeschriebenen Gesetze des Führungsteams nicht – und genau deshalb kann ich spiegeln, was von innen unsichtbar ist. Ohne Agenda. Ohne die Angst, Teil des Spiels zu sein.
Mein Handwerk in diesen Momenten ist nicht die Intervention. Es ist die Geduld. Die Bereitschaft, im Raum zu bleiben, bis die Wahrheit von selbst kommt. Das passiert fast immer. Manchmal nach zwei Stunden. Manchmal nach drei. Aber dann – wenn der erste anfängt wahrhaftig zu sein – folgen die anderen.
Das ist der Moment, in dem aus einem Fragebogen-Ergebnis eine echte Bewegung wird.
Eine Frage zum Schluss
Was würde in Ihrem Führungsteam anders aussehen, wenn das Ungesagte plötzlich Platz hätte?
Ich stelle diese Frage nicht, um eine Antwort zu bekommen. Ich stelle sie, weil die Art, wie Sie innerlich darauf reagieren, Ihnen mehr sagt als jede Teambefragung.
Harald Dill ist Executive Coach, Mediator, QM-Auditor und Berater in München. Seit über 20 Jahren begleitet er Führungsteams in Konflikt und Veränderung – mit Verdichtung und Spiegelung als Handwerk, mitfühlender Geduld als Haltung.


